Deine Realität ist mein Mindfuck
Bist du wirklich realistisch – oder hast du einfach nur gelernt, klein zu denken?
Ihr Lieben,
ich sammle ständig Themen. Gedanken, Beobachtungen, Begegnungen und diese kleinen Momente im Alltag, in denen plötzlich ein Satz fällt, an dem ich hängen bleibe.
Manchmal ist es ein Satz, den jemand ganz beiläufig sagt. Für den anderen ist das Thema danach erledigt. Für mich beginnt es dann erst richtig zu arbeiten.
So war es auch dieses Mal.
Ich bin Fußballfan. Genauer gesagt: Fan des 1. FC Köln. Und wie sich das für einen leidensfähigen, hoffnungsvollen und manchmal vollkommen irrationalen FC-Fan gehört, bin ich natürlich auch in verschiedenen Fangruppen unterwegs.
In einer dieser Gruppen gibt es einen Menschen, den ich für ziemlich klug halte. Ein reflektierter Mann, sprachlich stark, analytisch – und gleichzeitig aus meiner Sicht erschreckend negativ.
Egal, worum es geht: Er findet zuverlässig das Szenario, in dem es schwierig wird. Er sieht das Problem, bevor überhaupt jemand die Chance ausgesprochen hat. Er erkennt den möglichen Absturz, während andere noch überlegen, ob sie vielleicht losfliegen könnten.
Irgendwann habe ich ihm geschrieben:
„Sag mal, du malst aber auch immer ganz schön schwarze Bilder.“
Seine Antwort war kurz:
„Ich bin nur realistisch.“
Und boah, an diesem Satz bin ich hängen geblieben.
Denn das, was er Realismus nennt, ist aus meiner Sicht häufig nicht Realität.
Es ist der Worst Case.
Es ist die Vorstellung davon, wie eine Situation ausgehen könnte, wenn möglichst vieles schiefläuft. Und weil diese Vorstellung im eigenen Kopf plausibel klingt, bekommt sie plötzlich das Etikett „realistisch“.
Aber wer hat eigentlich entschieden, dass das schlechte Ergebnis realistischer ist als das gute?
Wer hat beschlossen, dass Scheitern vernünftiger klingt als Gelingen?
Und seit wann ist es intelligent, die eigenen Möglichkeiten bereits im Denken so lange zu verkleinern, bis am Ende nur noch das übrig bleibt, was man sowieso schon kennt?
Genau darum geht es für mich bei diesem Thema.
Es geht um deine Realität.
Es geht um meine Realität.
Und es geht um die Frage, ob das, was du für unveränderliche Wirklichkeit hältst, vielleicht nur eine verdammt gut eingeübte Geschichte ist, die du dir selbst erzählst.
Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Realität
Wir Menschen tun häufig so, als würden wir alle dieselbe Welt sehen.
Tun wir aber nicht.
Wir sehen die Welt durch unsere Erfahrungen, unsere Verletzungen, unsere Erfolge, unsere Ängste, unsere Erziehung und unsere inneren Überzeugungen.
Zwei Menschen können vor exakt derselben Situation stehen und etwas vollkommen Unterschiedliches wahrnehmen.
Der eine sieht ein Risiko.
Der andere sieht eine Chance.
Der eine denkt: „Das kann unmöglich funktionieren.“
Der andere denkt: „Ich habe noch keine Ahnung, wie es funktioniert, aber ich finde es heraus.“
Der eine nennt seine Zurückhaltung Vernunft.
Der andere nennt seinen Mut Vertrauen.
Und wahrscheinlich halten sich beide für realistisch.
Das ist der Mindfuck.
Denn unsere Wahrnehmung fühlt sich nicht wie eine Interpretation an. Sie fühlt sich wie Wahrheit an.
Wenn du davon überzeugt bist, dass du nicht gut genug bist, dann fühlt sich das für dich nicht wie ein Glaubenssatz an. Es fühlt sich wie eine objektive Beschreibung deiner Person an.
Wenn du glaubst, dass Menschen wie du kein erfolgreiches Unternehmen aufbauen, keine glückliche Beziehung führen oder beruflich noch einmal vollkommen neu anfangen können, dann erscheint dir das nicht wie eine Begrenzung. Es erscheint dir wie gesunder Menschenverstand.
Wenn du überzeugt bist, dass es in deinem Alter zu spät ist, dass dir die Ausbildung fehlt, dass dein Umfeld nicht passt oder dass du einfach nicht zu den Menschen gehörst, die wirklich etwas Großes bewegen können, wirst du überall Beweise dafür finden.
Das menschliche Gehirn ist großartig darin, die eigene Wahrheit zu bestätigen.
Du siehst, was du glaubst.
Du findest, wonach du suchst.
Und du interpretierst viele Ereignisse genau so, dass deine bisherige Realität stabil bleiben kann.
Selbst dann, wenn diese Realität dich unglücklich macht.
„Realistisch sein“ klingt klug – kann aber verdammt bequem sein
Ich möchte den Realismus gar nicht abschaffen.
Natürlich brauchen wir einen Blick für Risiken. Natürlich sollten wir Konsequenzen prüfen. Natürlich ist nicht jede Idee automatisch genial, nur weil sie sich für einen Moment gut anfühlt.
Wenn du ein Unternehmen gründest, solltest du Zahlen verstehen.
Wenn du einen sicheren Job verlässt, solltest du überlegen, wie du deine Miete bezahlst.
Wenn du eine wichtige Entscheidung triffst, solltest du nicht nur von Licht, Liebe und einem positiven Universum ausgehen, das schon irgendwie alles für dich regeln wird.
Aber das meine ich nicht.
Ich spreche von einem sogenannten Realismus, der in Wahrheit eine Tarnung für Angst ist.
Ein Realismus, der dich nicht besser vorbereitet, sondern kleiner macht.
Ein Realismus, der nicht fragt: „Welche Risiken gibt es und wie gehe ich mit ihnen um?“
Sondern der bereits vorher entscheidet: „Das klappt sowieso nicht.“
Das ist ein großer Unterschied.
Angst darf mit am Tisch sitzen. Sie darf nur nicht automatisch die Sitzung leiten.
Du darfst Zweifel haben. Zweifel sind menschlich. Aber Zweifel sind kein Beweis.
Du darfst vorsichtig sein. Aber Vorsicht darf nicht zur lebenslangen Ausrede werden, deine wirklichen Wünsche niemals ernst zu nehmen.
Und du darfst Risiken sehen. Die entscheidende Frage ist nur, was du anschließend damit machst.
Entwickelst du eine Lösung?
Oder entwickelst du eine Begründung dafür, warum du besser gar nicht erst anfängst?
Manchmal nennen wir etwas realistisch, weil wir dann keine Verantwortung übernehmen müssen.
Wenn es sowieso nicht möglich ist, müssen wir es auch nicht versuchen.
Wenn der Markt angeblich keine Chance bietet, müssen wir uns nicht zeigen.
Wenn alle guten Partner bereits vergeben sind, müssen wir uns nicht mit unserer eigenen Beziehungsfähigkeit beschäftigen.
Wenn es in unserem Alter angeblich zu spät ist, müssen wir keine mutige Entscheidung mehr treffen.
Wenn unsere Vergangenheit angeblich bestimmt, wer wir sind, müssen wir uns nicht verändern.
Merkst du etwas?
Pessimismus kann sich sehr intelligent anhören.
Er kann hervorragend argumentieren.
Er kann Zahlen, Erfahrungen und Beispiele liefern.
Und trotzdem kann er vollkommen falsch liegen.
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