Schwierige Menschen: Was sie wirklich über dich verraten
Vor ein paar Stunden hat mich jemand so aus der Bahn geworfen, dass ich danach alleine in meinem Büro laut geschrien habe. Nicht wegen dem, was er gesagt hat. Sondern wegen dem, was in mir passiert ist.
Das ist der Unterschied, um den es in diesem Artikel geht.
Arschengel — der Begriff, der alles verändert hat
In der Literatur gibt es diesen Begriff: Arschengel. Im ersten Moment erscheint er wie ein Arsch. Aber er hat was Engelhaftes, weil er dir zeigt, wo bei dir noch was offen ist.
Jeder von uns begegnet ihnen. In der Familie, wo du neben Onkel Bert sitzt, der dir brutal auf den Sack geht. Im Job, wo der Kollege dich unterbricht und deine Strategie zerreißt. Im Kundengespräch, nach dem du dich erst mal schütteln musst.
Ich tippe, wenn du ehrlich bist, ist die letzte solche Begegnung nicht lange her. Bei mir waren es heute zwei Stunden.
Der erste Reflex ist fast immer der falsche
Was passiert nach so einer Begegnung? Bei den meisten — und lange auch bei mir — läuft es so: Du kommst raus, bist unklar, weißt nicht wohin mit der Energie. Dann kommt der Reflex. Was hat der andere falsch gemacht? Was hätte er anders tun müssen?
„Du verbringst deine Energie damit, jemanden zu analysieren, den du nicht ändern kannst.“
Du schreibst die lange WhatsApp. Du redest beim dritten Bier nochmal drüber. Du rechnest nach, wer mehr Schuld hat.
Das Problem: Es ist verschenkte Energie. Du hast schlicht keinen Zugriff auf andere Menschen. Ich bin Vater von drei Söhnen — ich habe manchmal kaum Zugriff auf sie, und das sind meine eigenen Kinder. Nicht weil ich ein schlechter Vater bin. Weil Menschen sind, wie sie sind.
Die Frage, die wirklich weiterbringt
Sobald ich das akzeptiert hatte, hat sich mein Umgang mit schwierigen Begegnungen komplett verändert. Ich stelle mir heute nach jeder solchen Begegnung eine einzige Frage:
Was ist in mir passiert? Nicht: Was hat der andere getan. Sondern: Was in mir wurde so groß, dass es mich durchgeschüttelt hat?
Schwierige Menschen als Spiegel zu verstehen bedeutet, zu erkennen, dass deine Reaktion dir mehr über dich selbst erzählt als über die andere Person. Das ist keine bequeme Erkenntnis. Aber es ist die einzige, die dich wirklich weiterbringt.
Ich habe mit einem Kollegen zusammen einen Klienten gecoacht. Er hat mich permanent unterbrochen, mir nicht zu Ende reden lassen, meine Strategie ständig durchbrochen. Nach der Session habe ich das Gespräch gesucht und gesagt: Ich fühle mich nicht wohl mit dieser Zusammenarbeit. Seine Reaktion: Er fand, er hatte alles richtig gemacht. Ich solle bei mir gucken, was mein Problem ist. Das ist der Moment, wo ich früher wütend geworden wäre. Stattdessen habe ich gemerkt: Es war Ohnmacht. Das Gefühl, nicht gehört zu werden. Ein altes Muster, das nichts mit ihm zu tun hatte.
Wann du loslassen darfst — und musst
Das bedeutet nicht, dass du alles mit dir machen lassen sollst. Im Gegenteil.
Eine Therapeutin hat mir mal einen Satz gesagt, der mich seitdem nicht losgelassen hat. Sie hatte nach einer ersten Sitzung entschieden, mit einer Klientin nicht weiterzuarbeiten. Ihre Begründung: „Dafür habe ich die nicht lieb genug.“
Kein Drama. Kein langer Brief. Nur Klarheit.
Ich wäge das für mich immer wieder ab. Es gibt Menschen, für die gehe ich immer wieder in Vorleistung, arbeite an der Beziehung, gehe auf sie zu. Und dann gibt es Menschen, die mir schlicht zu anstrengend sind. Da gebe ich einmal eine Chance — beim zweiten und dritten Mal sage ich mir: Das lasse ich.
Gerade wenn du selbstständig bist oder ein Unternehmen führst, ist das eine der wichtigsten Entscheidungen, die du treffen kannst. Schwierige Kunden binden unverhältnismäßig viel Energie für wenig Ertrag. Sobald du dir es finanziell leisten kannst: lass sie los.
Nicht wütend. Nicht mit einem langen Brief. Einfach: „Wir passen nicht gut zusammen.“
Das gilt übrigens nicht nur für Kunden. Ich habe mich irgendwann von einem meiner engsten Freunde getrennt. Zehn Jahre. Kein Streit, kein Knall, kein böses Wort. Nur irgendwann diese stille Erkenntnis, dass wir uns nicht mehr gut taten. Ich weiß bis heute nicht, wer mehr Verantwortung trägt. Es war schmerzhaft. Und ich glaube, für uns beide ein guter Schritt.
Was du dir jetzt fragen kannst
An wen denkst du gerade?
Wen hast du in den letzten Wochen immer wieder im Kopf, mit dem es zwickt? Was sagt deine Reaktion auf diese Person über dich?
Das sind keine Fragen, die du sofort beantworten musst. Aber sie sind die ehrlichsten, die du dir stellen kannst.
Lass los, was dir nicht gut tut. Nicht aus Gleichgültigkeit. Aus Klarheit.
Herzliche Grüße, dein Farid.
Häufig gestellte Fragen
Wie gehe ich mit schwierigen Menschen im Alltag um?
Der erste Schritt ist, den Reflex zu unterbrechen, den anderen zu analysieren. Frag dich stattdessen, was in dir passiert ist. Was wurde getriggert, was wurde berührt? Diese Frage bringt dich weiter als jede Analyse des anderen.
Kann ich das Verhalten anderer Menschen wirklich ändern?
Kaum. Du hast sehr wenig Einfluss auf das Verhalten anderer, egal ob es dein Partner, dein Chef oder dein Kind ist. Was du immer ändern kannst, ist deine eigene Reaktion und dein Umgang damit.
Was bedeutet der Begriff Arschengel?
Arschengel ist ein Begriff aus der Literatur für Menschen, die im ersten Moment wie ein Arsch wirken, aber einen engelhaften Effekt haben: Sie zeigen dir, wo bei dir noch etwas offen ist. Sie sind Spiegel, keine Feinde.
Wann sollte ich einen schwierigen Kunden loslassen?
Sobald du dir es finanziell leisten kannst. Schwierige Kunden binden unverhältnismäßig viel Energie für wenig Ertrag. Der Satz „Wir passen nicht gut zusammen“ reicht als Begründung vollständig aus.
MANN! Farid Podcast — Folge #104
Schwierige Kunden, schwierige Begegnungen, und was du wirklich daraus ziehen kannst. Ich rede in der neuen Folge über genau das — mit konkreten Geschichten aus meinem Alltag.

